Was ist Varianz?
Immer wieder beklagen sich Pokerspieler über die Varianz beim Pokern. Damit ist jede Form der Abweichung von einem “Normalwert” gemeint. Bei einem Münzwurf beträgt der Erwartungswert für jeden Spieler beispielsweise 0 Geldeinheiten. Trotzdem kommt es in der Realität vor, dass eine Seite der Münze besonders häufig geworfen wird. Die Hintergründe lassen sich über die Stichworte Gauß, Normalverteilung und Standardabweichung schnell ermitteln. Tatsächlich ist der Begriff “Varianz” etwas ungenau gebraucht, er hat sich jedoch fest im Jargon etabliert.
Das obige Beispiel kann beim Pokern noch in extremerer Weise auftreten. Selbst ein Spieler hoher Spielstärke und mit guten Karten kann gegen einen schwachen Spieler einen ganzen Abend lang blass aussehen. Der beliebte Anfängerspruch “Jede Hand kann gewinnten” trifft spätestens dann zu, wenn man mit AA zum zweiten Mal hintereinander gegen ein niedrigeres PocketPair verliert (P(E) = 4%).
Warum ist Varianz gefährlich?
Die gute Nachricht vorweg: Praktisch gesehen sollte man nie broke gehen. Ein diziplinierter Spieler hält sich an sein “Bankrollmanagement” und steigt bei höheren Verlusten im Limit ab.
Worin besteht trotzdem die Gefahr? Varianz kann sich auch durch eine Abweichung nach oben zeigen. Ich hab noch keinen Spieler gesehen, der sich darüber beschwert. Warum sollte er? Es ist ja scheinbar alles im Lot. Dies kann trügerisch sein und einige dazu bewegen, beispielsweise zu schnell im Limit aufzusteigen oder zu sehr vom eigenen Spiel überzeugt zu sein. Dies kann dazu führen, dass weniger am eigenen Spiel gearbeitet wird und die Spielstärke stagniert. Beim nächsten “Downswing” (=negative Abweichung über einen bestimmten Zeitraum) erwischt es einen dann gegebenenfalls umso härter.
Ein weiterer kritischer Punkt ist die kurzfristige oder mittelfristige Beeinflussung der Psyche. Mehrere BadBeats binnen kurzter Zeit können selbst gelassene Spieler auf “Tilt” bringen und somit rationales Denken unterbinden. Beispielsweise könnte er nach einem ungewohnten Verlust versuchen, dies unbedingt wieder “reinholen” zu wollen. Dies hat bereits Berührungspunkte zu Spielsucht und scheitert meistens. Ein mittelfristiger Effekt könnte sich auf das Selbstbewusstsein auswirken. Wer zum wiederholten Male in einem sehr profitablen Spot (Beispielsweise: Set gefloppt) einen Suckout kassiert, könnte geneigt sein, diesen Situationen in Zukunft aus dem Weg zu gehen. Das führt zu einem massiven Leak (=Schwäche im Spiel) und wirkt sich auf die Gewinnrate aus.
Warum ist Varianz notwenig?
(Online-)Poker befindet sich in einem Ökosystem. Eine Anforderung, damit das System funktioniert, sind Gelgenheitsspieler und langfristig erfolglose Spieler. Sie stellen den größten Teil aller Spieler dar und finanzieren sowohl die Betreiber der Seiten, als auch die “WinningPlayer”. Eine entscheidende Frage lautet: Würde ein solcher Spieler pokern, wenn die Varianz = 0 wäre? Dies bedeutet, er würde mit jeder gespielten Hand, mit jeder Stunde, mit jedem Abend einen konstanten Verlust hinnehmen. Es mag Unterhaltungsangebote (z.B. PayTV) geben, bei denen dieses Konzept funktioniert. Doch Glücksspiel lebt davon, dass kurzfristig jeder gewinnen kann. Der Spieler erfreut sich an einem kurzfristig Reiz (“kick”) oder versucht – in einem tragischeren Fall – sich an alte, erfolgreiche Zeiten zu erinnern und möchte hier wieder anknöpfen. Er weiß, dass er regelmäßig “große Pötte” gewinnt und ist sich oft nicht im Klaren, dass er womöglich sehr schlecht gespielt hat. Ein guter Spieler ist dagegen nicht am Ausgang einer einzelnen Hand interessiert (ausgenommen WSOP-Final-Table
), sondern vielmehr an der Qualität seines Spiels.
Medikamente gegen Varianz
Ein großer Feind der Varianz ist die sog. “Samplesize”. Oder auf deutsch: Je größer man eine Versuchsreihe anlegt, desto geringer macht sich die Abweichung vom Normalwert bemerkbar. 1000 gespielte Hände sind oft “gar nichts” und Tendenzen können meist erst ab 10.000 – 50.000 Händen gewonnen werden. Dazu gibt es einen interessanten Artikel mit Simulationen und Ausführungen zur Gewinnrate beim Onlinepokern. Der Tenor lautet also: “Spielen, spielen, spielen” oder “It’s all one big session”. Dies bedeutet so viel wie: Die Ergebnisse an einem ABend oder mehreren gespielten Sessions ist irrelevant. “Longterm” zählt.
Einen eher kurzfristig Effekt kann man erreichen, indem man “marginale Spots” vermeidet. Es gibt Situationen (z.B: gegen extreme Maniacs), in denen man teilweise Stack für Stack verliert, obwohl es sicherlich das beste Spiel war. Als Shortstackspieler hieße das beispielsweise konkret, dass man AK vielleicht preflop auch mal wegschmeißen kann. Prolematisch ist dabei, dass man einen Teil seiner Gewinnrate zugunsten der Varianz opfert.
Weiterhin sind starke Nerven, ein konservatives Bankrollmanagement und theoretisches Training während eines Downswings zu empfehlen. Die Wahl der Pokervariante kann sich auch auf die Höhe der Varianz auswirken. Der sogenannte “Doomswitch” (=Manipulation der Pokerseitenbetreiber nach einem Abhebevorgang) ist dagegen nur ein Gerücht.
Weitere Links:
Pingback: Bankroll Management | Poker Blog